Der Stresstest für Städte ist ein digitales Tool für ein datenbasiertes Resilienzmonitoring in deutschen Städten und Gemeinden. Gemeinsam mit elf Kommunen entwickelt, ermöglicht er es, die Widerstandsfähigkeit und die Anpassungsfähigkeit gegenüber typischen Belastungsszenarien von Städten individuell zu analysieren. 

Wäre die Stadt, in der wir leben, ein Patient – wie wäre dann wohl ihr Gesundheitszustand? In Analogie zum Menschen können auch bei Städten sogenannte Vitalsignale untersucht werden. Sie zeigen an, an welchen Stellen der Organismus gesund ist und wo bei Stress Überlastung droht. Und auch bei Städten gilt: wer die Risiken kennt, kann für eine bessere Prävention sorgen, die Daseinsvorsorge verbessern, langfristig Kosten senken und mitunter sogar Leben retten.

Ereignisse wie Hitzewellen, Überschwemmungen oder die Coronapandemie haben vielerorts offenbart, wie fragil urbane Strukturen sein können und wie herausfordernd sich eine schnelle Anpassung an neue Situationen gestalten kann. Neben den sogenannten kritischen Bereichen wie dem Bevölkerungsschutz, der Energieversorgung, der Cybersicherheit und der Stabilität von Lieferketten stehen Kommunen häufig vor weiteren Herausforderungen: einer Transformation durch den demografischen, sozialen und wirtschaftlichen Wandel.

Daten nutzen und verbinden

Im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) hat Arup zusammen mit dem Projekt- & Kulturberatungsbüro Imorde einen Stresstest für Städte und Gemeinden in Deutschland entwickelt. Das Forschungsteam orientierte sich an den Ergebnissen von früheren BBSR-Forschungsprojekten und den Zielen des „Memorandums Urbane Resilienz“ und nutzte einen bereits existierenden Prototyp. Neben dem Forschungsteam waren Vertreterinnen und Vertreter von elf Städten und Gemeinden in einem partizipativen Prozess an der Entwicklung beteiligt.

Das Ergebnis des Forschungsprojekts ist ein digital gestütztes, datenbasiertes und interaktives Monitoring-Tool. Mit ihm können Städte und Gemeinden ihre individuellen Resilienzprofile im Hinblick auf unterschiedliche Krisen, Katastrophen und Störereignisse abbilden. Die Daten stammen aus über 100 öffentlichen Quellen wie dem Statistischen Bundesamt oder dem Deutschen Wetterdienst.

Komplexe Zusammenhänge erkennen

Der digitale Stresstest für Städte basiert auf dem Modell der funktionsfähigen Stadt. Dabei werden zentrale Lebensbereiche wie Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Mobilität betrachtet. Diese sind eingebettet in übergeordnete Aufgaben wie Umweltqualität, soziale Integration und eine funktionierende städtische Steuerung (Governance), die das Zusammenspiel von Politik, Verwaltung, Interessensgruppen und Bürgerschaft umfasst.

Im Mittelpunkt des digitalen Tools stehen zwölf typische Stressszenarien, die potenzielle Krisen, Katastrophen oder Störungen abbilden – etwa Starkregen, Energiekrisen oder gesellschaftliche Polarisierung. Diese Stresse können einzeln oder kombiniert auftreten und beeinflussen das empfindliche Gleichgewicht innerhalb der Stadt.

Um die Belastungen durch solche akuten Schocks oder chronischen Stress zu verstehen, stützt sich der Stresstest auf ein Rahmenwerk aus quantitativen Daten zur Erfassung der Robustheit und einer qualitativen Selbstbewertung der Kommunen zur Einschätzung der Anpassungsfähigkeit. Auf dieser Basis werden Indikatoren ermittelt, die wiederum zusammengefasst in thematischen Kategorien wie Wirtschaftsstruktur, technische Infrastruktur oder Notfallkapazitäten (sogenannte Deskriptoren), die Grund- und Querschnittsfunktionen des System Stadt beschreiben.

Resilienz langfristig stärken

Das zentrale Analyseergebnis ist das sogenannte Resilienzprofil, das auf einem interaktiven Dashboard angezeigt wird. Es zeigt, wie widerstandsfähig und wie anpassungsfähig eine Stadt oder Gemeinde gegenüber den verschiedenen Belastungen und Krisenszenarien ist.

In einem übersichtlichen Diagramm wird die Robustheit auf der X-Achse dargestellt. Sie wird quantitativ berechnet und beschreibt, wie stabil die kommunalen Strukturen auf äußere Einflüsse reagieren. Auf der Y-Achse erscheint die Anpassungsfähigkeit. Sie basiert auf der Selbsteinschätzung der Kommunen, die mittels eines Fragenkatalogs angeben und bewerten, inwieweit Maßnahmen zur Anpassung bereits umgesetzt und weiterentwicsind. So entsteht ein umfassendes Bild davon, wie gut eine Stadt auf Herausforderungen vorbereitet ist – und wo gezielt nachgebessert werden sollte.

Die visuelle Darstellung macht komplexe Zusammenhänge schnell erfassbar und unterstützt gezielt die Diskussion in Verwaltung und Politik. Sie fördert die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachbereichen und hilft dabei, fundierte Entscheidungen auch hinsichtlich wirkungsvoll eingesetzter Haushaltsmittel zu treffen. Da sich die Ergebnisse leicht nachvollziehen lassen, stärken sie auch das Vertrauen in politische Entscheidungen und bieten eine solide Basis u.a. für Bürgerdialoge oder Ausschusssitzungen. 

Das Entwicklerteam rund um Arup, das BBSR und Imorde stellte das Tool am 16. September im Rahmen des 18. Bundeskongresses der Nationalen Stadtentwicklungspolitik in Rostock vor. Die Anwendung steht seither allen rund 11.000 Kommunen in Deutschland kostenfrei unter www.stresstest-staedte.de zur Verfügung. 

Das Ergebnis der Zusammenarbeit von Arup und dem BBSR ist ein ebenso wirkungsvolles wie einfach anzuwendendes Instrument zur Messung urbaner Resilienz. Der Stresstest dient der strategischen Früherkennung von Krisen, Bedrohungen und Katastrophen und unterstützt Kommunen in Deutschland dabei, die Risikovorsorge als Teil integrierter Stadtentwicklung zu verbessern.

Christian Rauch

Referatsleiter im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR)

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) / Projekt- & Kulturberatungsbüro IMORDE